Meindert Schulting ist 20 Jahre alt, als er am heißesten je in den Niederlanden gemessenen Tag einen Anlauf von zwei, drei Schritten nimmt und in den Uitgeestermeer springt. Mit dem Kopf schlägt er auf dem Grund auf. Sein Genick bricht. Er liegt mit dem Gesicht nach unten im Wasser und kann sich nicht mehr bewegen.
Drei Männer fünfzig Meter weiter sehen es geschehen. Seine eigenen Freunde nicht.
Meindert überlebt. Doch er ist bis zur Brustwarzenhöhe gelähmt. Seither hat er drei Hüftprothesen, überstand eine Lungenentzündung, bei der er vier Wochen an der Beatmung lag, und er braucht häusliche Pflege, um jeden Tag aus dem Bett zu kommen.
Er ist heute 27.
Diese Geschichte, heute in der Gooi en Eemlander veröffentlicht, geht mir tief unter die Haut – nicht nur als Mensch, sondern als Wassersicherheitsexperte mit fast dreißig Jahren Erfahrung in der Schwimmwelt. Denn das ist kein Pech. Das ist ein vorhersehbarer Unfall, in einem Land, das strukturell zu wenig für die Bewusstseinsbildung rund um Wassergefahren tut.
Die Niederlande sind ein Wasserland. Doch das Wasserwissen fehlt.
Die Niederlande haben mehr als 400.000 Kilometer an Wasserwegen. Wir leben darin, mittendrin. Wir erholen uns massenhaft darauf. Und trotzdem fehlt einem großen Teil unserer Bevölkerung elementares Wissen über die Gefahren offener Gewässer.
Das Centraal Bureau voor de Statistiek zeigt, dass in den vergangenen fünf Jahren durchschnittlich 93 Menschen pro Jahr in offenen Gewässern oder in und um das Haus ertranken. Dreiundneunzig. Jedes Jahr. In einem der wohlhabendsten Länder der Welt.
Doch Ertrinken ist nicht das einzige Risiko. Meinderts Geschichte zeigt eine Gefahr, die bislang kaum Beachtung findet: der Sprungunfall im flachen Wasser. In dem See, in dem Meindert gelähmt wurde, ereigneten sich in den darauffolgenden vier Jahren drei weitere schwere Badeunfälle. Eines der Opfer entschied sich am Ende für Sterbehilfe.
Das Wasser war flach. Der Grund war nicht sichtbar. Es gab keine Warnschilder für Besucher, die vom Wasser aus anlegten – nur für Schwimmer, die vom Land kamen.
Ein Gericht urteilte später, der Betreiber sei zu 80 Prozent haftbar. Meindert trägt 20 Prozent Eigenverschulden.
Doch eine Schuldverteilung löst nichts. Meindert sitzt nach wie vor im Rollstuhl.
Was läuft schief – und warum immer wieder?
Als Vorsitzender der NSWZ und Wassersicherheitsexperte sehe ich ein Muster, das sich immer und immer wieder wiederholt:
1. Die Menschen kennen die Gefahren offener Gewässer nicht. Ein Schwimmbecken hat einen Grund, den man sehen kann. Offenes Wasser nicht. Schlamm, Algen, Steine, Glasscherben, plötzliche flache Stellen – sie sind unsichtbar. Wer das nicht weiß, verhält sich im offenen Wasser so, wie er sich im Schwimmbad verhalten würde. Mit fatalen Folgen.
2. Warnschilder werden nicht gelesen oder werden entfernt. Meindert weist selbst darauf hin, dass neun von zehn Warnschildern in Erholungsgebieten unlesbar sind. Sie sind mit Aufklebern zugepflastert oder mit Graffiti beschmiert. Das ist kein Argument, keine aufzustellen – es ist ein Argument für Verhaltensänderung und Aufklärung.
3. Die Wassersicherheitsaufklärung beginnt zu spät – oder fehlt völlig. Die Niederlande bringen Kindern das Schwimmen bei. Gut so. Doch Schwimmen und wassersicheres Verhalten sind zwei verschiedene Dinge. Ein Schwimmabzeichen lehrt ein Kind, wie es sich im Wasser über Wasser hält. Es lehrt nicht, wie man einschätzt, ob ein Sprung sicher ist. Es lehrt nicht, was Strömung bewirkt. Es lehrt nicht, wie man jemanden rettet, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen.
4. Das Selbstvertrauen im Wasser übersteigt das Wissen. Meindert war kein schlechter Schwimmer. Er traute sich zu springen. Er überschätzte die Wassertiefe. Das ist keine Dummheit – das ist das Fehlen der richtigen Information zum richtigen Zeitpunkt.
Meinderts Mission ist auch unsere Mission
Meindert sagt es selbst: „Wenn ich eine einzige Querschnittslähmung verhindern kann, dann ist meine Mission schon geglückt. Denn das würde man nicht einmal seinem ärgsten Feind wünschen.“
Dieser Satz schneidet mir durchs Herz. Denn er bringt genau auf den Punkt, warum es die NSWZ gibt. Warum es De WaterExpert gibt. Und warum wir jetzt handeln.
Wir sind nicht einverstanden mit Resignation. Wir sind nicht einverstanden damit, dass Ertrinkungen oder schwere Badeunfälle eben zu einem Wasserland dazugehören. Wir glauben – auf Grundlage von Wissen, Erfahrung und Forschung –, dass eine Halbierung der Zahl der Wasserunfälle in den Niederlanden machbar ist, sofern wir gemeinsam in Wissen und Verhalten investieren.
Was die NSWZ jetzt tut: WaterZeker
Deshalb startet die Nederlandse Stichting Water- & Zwemveiligheid den Kurs WaterZeker – ein praktisches, leicht zugängliches Online-Training für Eltern und Kinder, eigens entwickelt, um jenes Wissen zu vermitteln, das im regulären Schwimmunterricht fehlt.
WaterZeker lehrt:
Wie man offenes Wasser sicher einschätzt, bevor man hineingeht
Welche Risiken das Springen, die Strömung, Temperaturunterschiede und unsichtbare Hindernisse bergen.
Wie man als Elternteil das Gespräch über Wassergefahren führt, ohne Angst zu schüren.
Was man tut, wenn jemand in Not gerät – und was man gerade nicht tut.
Der Kurs wurde auf Grundlage von fast dreißig Jahren Praxiserfahrung im Schwimmunterricht entwickelt, kombiniert mit den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen über das Verhalten rund ums Wasser.
WaterZeker soll den Menschen keine Angst vor dem Wasser machen. Wasser ist gesund, niederschwellig und gehört uns allen. Doch wer weiß, was er tut, überlebt es auch.
Ihr Kind schwimmt. Aber weiß Ihr Kind, wie man sicher springt?
Fragen Sie sich ehrlich: Hat Ihr Kind je gelernt, wie man beurteilt, ob ein Sprung sicher ist? Hat Ihr Kind gelernt, worin der Unterschied zwischen einem Beckengrund und einem Seegrund besteht? Wissen Sie als Elternteil, was Sie tun, wenn Sie jemanden treiben sehen, der sich nicht mehr bewegt?
Wenn die Antwort nein lautet, dann ist jetzt der Moment.
✅ Machen Sie jetzt mit
➡️ Melden Sie sich für WaterZeker an unter nswz.nl/waterzeker
Der Kurs steht Eltern mit Kindern im Grundschulalter offen. Schulen, Schwimmbäder und Gemeinden können sich für Gruppenteilnahmen und Präventionsprogramme melden.
Gemeinsam verhindern wir den nächsten Unfall. Nicht im Nachhinein. Jetzt.
Shiva de Winter ist Gründer der Schwimmschule Zwemschool De Winter Sport (Huizen & Doorn), Wassersicherheitsexperte bei De WaterExpert und Vorsitzender der Nederlandse Stichting Water- & Zwemveiligheid (NSWZ). Er verfügt über fast dreißig Jahre Erfahrung im niederländischen Schwimmunterricht.
Anmerkungen & Quellenangaben
Die hochgestellten Ziffern im Text verweisen auf die Nummern der untenstehenden Liste. Alle Online-Quellen abgerufen am 15. Mai 2026.
[1] Annemarie de Jong, „Meindert (27) dook in ondiep water en liep dwarslaesie op: 'Ik lag met mijn gezicht naar beneden en kon niet meer bewegen'“, de Volkskrant, 15. Mai 2026. Primärquelle für alle Fakten und Zitate rund um Meindert Schulting. URL: volkskrant.nl.
[2] Centraal Bureau voor de Statistiek (CBS), „CBS: 132 accidentele verdrinkingen in 2025“, Pressemitteilung vom 13. Mai 2026. Veröffentlicht u. a. über KNRM und Nationale Raad Zwemveiligheid. URL: cbs.nl / knrm.nl / nrz-nl.nl.
[3] CBS, „146 mensen verdronken in 2024 — hoogste aantal in bijna dertig jaar“, Pressemitteilung vom 25. Juli 2025. URL: cbs.nl/nl-nl/nieuws/2025/30/146-mensen-verdronken-in-2024.
[4] CBS, Sondertabelle „Verdrinkingen 2024“, veröffentlicht am 25. Juli 2025. Zehnjahresdurchschnitt 2015–2024: 91 Einwohner pro Jahr. Drei Viertel in offenen Gewässern. URL: cbs.nl/nl-nl/maatwerk/2025/30/verdrinkingen-2024.
[5] J.J.L.M. Bierens & J. Hoogenboezem, „Fatal Drowning Statistics from the Netherlands — an example of an aggregated demographic profile“, BMC Public Health (2019). Tatsächliche Gesamtzahl der Ertrinkungstoten: 250–300/Jahr (inklusive Suizid 42 % und Verkehrsunfälle 16 %). Factsheet: Reddingsbrigade Nederland, „Verdrinkingen in Nederland: het beeld bijgesteld“ (2019). URL: reddingsbrigade.nl.
[6] Arjan de Vries, geschäftsführender Direktor der NRZ, zitiert in: Nationale Raad Zwemveiligheid, Pressemitteilung vom 13. Mai 2026. URL: nrz-nl.nl/nieuws/2026/05/cbs-132-verdrinkingen-in-2025.
[7] Mulier Instituut, „Zwemvaardigheid 2024 — inzicht in het zwemdiplomabezit van kinderen“, Factsheet November 2025. Untersuchung im Auftrag des Ministeriums für VWS, in Zusammenarbeit mit CBS und Boekmanstichting (Vrijetijdsomnibus 2024). URL: mulierinstituut.nl/nieuws/steeds-meer-kinderen-in-nederland-halen-alle-drie-de-zwemdiplomas.
[8] Mulier Instituut (2025), a. a. O. Schwimmabzeichenbesitz nach Herkunft: 40 % der Kinder mit Migrationshintergrund ohne Abzeichen (vs. 9 %); niedrigste Einkommensgruppe 33 % ohne Abzeichen (vs. 5 % höchste). Siehe auch: NRZ, Nachricht vom 10. November 2025. URL: nrz-nl.nl.
[9] Nederlands Instituut Veiligheid Zwemlocaties (NIVZ), laufende Untersuchung „Ervaringen met bijna-verdrinking“. Interviews durch Studierende der Universität Leiden. Anmeldung über verdrinking.nl. Siehe NRZ, Nachricht vom 4. Dezember 2025. URL: nrz-nl.nl/nieuws/2025/12/voorkom-verdrinkingen-in-de-toekomst.
[10] Zitate von Meindert Schulting und juristische Fakten (80 %/20 % Haftung): Annemarie de Jong, de Volkskrant, 15. Mai 2026 (siehe Anmerkung 1). Inhalt des Gerichtsverfahrens paraphrasiert.
[11] Shiva de Winter, „Hoe onafhankelijk is het Mulier Instituut als het gaat om zwemveiligheid?“, LinkedIn Pulse, April 2022. URL: linkedin.com/pulse/hoe-onafhankelijk-het-mulier-instituut-als-gaat-om-shiva-de-winter.
[12] Nationaal Plan Zwemveiligheid, Ministerium für VWS / Nationale Raad Zwemveiligheid, 2021–2025. URL: nrz-nl.nl/nationaal-plan-zwemveiligheid.
[13] Weltgesundheitsorganisation (WHO), „Drowning — Key Facts“, 19. April 2024. Weltweit rund 236.000 Ertrinkungstote pro Jahr (unfallbedingt). URL: who.int/news-room/fact-sheets/detail/drowning.
[14] Mulier Instituut, „Nederlanders over zwemveiligheid“ (2018); Floor, C. (2020), „Zwemmen en zwemveiligheid: trends in zwemgedrag 2008–2019“, Factsheet 2020/12, Utrecht: Mulier Instituut. URL: mulierinstituut.nl.
[15] NSWZ / WaterZeker, Kursprogramm WaterZeker Thuiscursus, 2025–2026. Entwickelt auf Grundlage von fast dreißig Jahren Praxiserfahrung der Zwemschool De Winter Sport (gegr. 2007) und der Expertise der NSWZ. URL: nswz.nl/waterzeker.
Disclaimer: Dieser Artikel wurde als Analyse und Meinungsbeitrag auf Grundlage öffentlich zugänglicher Quellen verfasst. Alle sachlichen Aussagen sind mit Quellenangaben versehen. Die Zitate von Meindert Schulting stammen aus der zitierten Volkskrant-Reportage und sind nicht wörtlich wiedergegeben. Der Autor ist Vorsitzender der NSWZ und hat ein kommerzielles Interesse an WaterZeker; diese Beziehung wurde im Text transparent gemacht.
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