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Shiva de Winter
Wassersicherheit · Expertenartikel von De WaterExpertDe WaterExpert
Von Shiva de Winter · De WaterExpert

Das Wasser hat sich nicht verändert. Wir schon.

Jeder, der am Wasser aufgewachsen ist, trägt dasselbe Bild in sich: rein, ohne nachzudenken, und es ging gut. Doch unser Gedächtnis bewahrt vor allem die schönen Tage – nicht die Unglücke, die es ebenso gab.

Wir denken wehmütig an jenen Sommer zurück, in dem man ohne zu zögern ins Wasser sprang. Aber dieses Wasser ist noch immer dasselbe Wasser – kalt, still, geduldig. Was sich verändert hat, sind wir. Ein offener Brief über Freiheit, über Achtsamkeit füreinander und darüber, wie lange wir noch wegschauen.

Shiva de WinterSchwimmschulbetreiber · Vorsitzender der NSWZ · Gründer von De WaterExpert und WaterZeker · dreißig Jahre Schwimmunterricht, vierzehn Sommer als Bademeister

Jeder, der am Wasser aufgewachsen ist, kennt dasselbe Bild. Die ganze Straße hinunter zum Ufer, die Kleider auf einen Haufen, und rein. Niemand, der zusah, niemand, der zusehen musste. Es ging gut, denn es ging ja immer gut.

Ich höre diese Geschichte gern, und ich glaube sie auch. Aber ich ziehe eine andere Lehre daraus als die meisten Menschen. Denn Nostalgie ist keine Geschichtsschreibung: Unser Gedächtnis bewahrt vor allem die Sommertage, an denen alle heil nach Hause kamen – nicht die Unglücke, die es auch damals gab. Dieses schöne Bild stimmte also nur zur Hälfte. Und das Wasser von damals ist genau das Wasser von heute. Ebenso kalt, ebenso still, ebenso bodenlos. Daran hat sich nichts verändert. Verändert hat sich alles drumherum. Die Frage ist nicht, ob wir zu jenem Sommer zurückkehren können, sondern ob wir noch den Mut haben, ehrlich auf das Heute zu schauen.

Wir können weniger, als wir glauben

Schwimmen war einst etwas, das man einfach konnte, weil man damit aufwuchs – nicht aus einem Kurs, sondern aus tausendmal im Wasser liegen. Man spürte, wann der Boden unter den Füßen wegfiel; man wusste, wie kaltes Wasser einem die Luft aus den Lungen presst, jener Schreckmoment kurz nach dem Sprung. Dieses Wissen sitzt nicht im Kopf, sondern im Körper.

Diesen Körper verlieren wir. Nicht, weil wir dümmer geworden wären, sondern weil das gewöhnliche Leben sich vom Wasser entfernt hat. Wir schwimmen drinnen, in einem beheizten Becken mit einer Linie auf dem Boden und jemandem, der mitschaut. Wunderbar, um schwimmen zu lernen. Aber es ist etwas völlig anderes als ein kalter Weiher mit weichem Grund und einer Strömung, die man nicht kommen sieht. Ein Diplom sagt aus, dass man ordentlich seine Bahnen zieht; über das wilde Wasser da draußen sagt es nichts. Und genau da geht es mit unserem Gespür schief – das Bewusstsein, dass ein spiegelglatter Weiher genauso tödlich sein kann wie eine raue See. Dieses Gespür baut man nur am Wasser selbst auf, und dorthin kommen immer weniger Menschen.

Eine Warnung, die man nicht liest, warnt niemanden

Denken Sie an ein Bild, das jeder kennt, der schon einmal weit von zu Hause an einem Gewässer stand. Ein Schild am Ufer, in einer Sprache, die man nicht spricht. Man sieht, dass da etwas steht, man spürt, dass es eine Warnung ist. Aber was da steht – wo es tief wird, wo die Strömung zieht, wo es schon einmal schiefging – das kommt nicht an.

So gibt es überall Gewässer, an denen Menschen vorbeikommen, die die Sprache jenes Schildes nicht kennen. Reisende, Neuankömmlinge, Menschen, die nie schwimmen gelernt haben, weil es in ihrem Leben nie möglich war. Wir haben uns eingeredet, wir hätten gewarnt, weil irgendwo ein Schild hängt. Aber warnen heißt erst dann warnen, wenn es ankommt. Und das ist kein Vorwurf an jene, die es nicht lesen oder nicht schwimmen können – niemand entscheidet sich dafür. Das Problem liegt nicht beim Menschen am Ufer, sondern bei unserer Vorstellung, dass ein Schild genügt.

Die Zeit des "Ich will, also tue ich"

Etwas anderes hat sich ebenfalls verändert, etwas, gegen das kein Schild ankommt, das aber jeder erkennt, der am Wasser steht. Wir sind zu Menschen geworden, für die eine Warnung nicht das Ende eines Gesprächs ist, sondern der Anfang einer Diskussion. Sagen Sie jemandem, dass es gefährlich ist, und die Chance ist groß, dass Sie hören, er beurteile das schon selbst. Ich will, also darf ich. Wachsamkeit ist verhandelbar geworden, und guter Rat etwas, um das man herumredet.

Ich sage nicht, dass früher alles besser war. Aber ich sage dies: Wasser verhandelt nicht zurück. Es macht kein Geräusch, wenn es schiefgeht. Wer ertrinkt, ruft nicht, zappelt nicht wild, geht in Stille unter – oft eine Armlänge entfernt von Menschen, die nichts bemerken. Es ist geduldig. Und dann ist es plötzlich zu spät.

Wie lange schauen wir noch weg

Überall auf der Welt kennen wir diese Orte. Gewässer, in denen man eigentlich nicht schwimmen sollte, und zu denen doch an jedem warmen Tag Menschen strömen. Wir wissen es, und wir schauen in die andere Richtung – bis es schiefgeht und wir uns laut fragen, wie es so weit kommen konnte, obwohl wir es tief im Inneren längst wussten.

Da liegt der Widerspruch, und es ist ein ehrliches Ringen. Auf der einen Seite steht die Freiheit: das Recht, selbst zu entscheiden, ins Wasser zu gehen, wie es die Menschen immer getan haben. Auf der anderen Seite steht etwas Einfaches: aufeinander achten, besonders auf jene, die die Gefahr nicht lesen oder nicht schwimmen können. Mehr Augen am Ufer helfen – aber wo liegt die Grenze? Wann ist Achtsamkeit Fürsorge, und wann Bevormundung? Und wie viel Wegschauen dürfen wir uns erlauben, bevor wir es nicht mehr Zufall nennen dürfen?

Die Frage, der wir nicht mehr ausweichen dürfen

Ich beziehe hier bewusst keine Position, und das ist keine Schwäche. Das Gespräch stockt, sobald jemand zu schnell ruft, wer recht hat. Vielleicht ist die Antwort nicht Freiheit oder Vorsicht, sondern beides zugleich. Und vielleicht beginnt es schlicht damit, laut einzugestehen, dass "es wird schon gutgehen" keine Überzeugung ist, sondern ein Glücksspiel.

Also lege ich die Frage in Ihre Hände. Lassen wir die Menschen frei, oder achten wir aufeinander? Vertrauen wir darauf, dass es gutgeht, oder halten wir jemanden zurück, der die Gefahr nicht kommen sieht? Dieses Gespräch müssen wir führen, solange es ruhig ist am Ufer – nicht erst an dem Tag, an dem das Wasser die Antwort schon für uns gegeben hat.

*Was meinen Sie – lassen wir den Menschen ihre eigene Entscheidung, oder achten wir strenger aufeinander? Genau das ist das Gespräch, das wir zu lange haben liegen lassen.*

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Shiva de Winter
Über den Autor

Schwimmschulbetreiber · Vorsitzender der NSWZ · Gründer von De WaterExpert und WaterZeker · dreißig Jahre Schwimmunterricht, vierzehn Sommer als Bademeister.

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